Fridays for Future 15.03.
Klimaprotest

Fridays for Future: Globaler Klimastreik – auch in Darmstadt

Ob London, Paris, Hongkong, Kapstadt – oder Darmstadt: Überall auf der Welt gingen heute Schüler gegen den Klimawandel auf die Straße. In etwa 1600 Städten waren Proteste angemeldet, etwa 220 davon alleine in Deutschland. Die Veranstalter sprechen deutschlandweit von etwa 300.000 Teilnehmern, bis zu 25.000 etwa alleine in Berlin, in Darmstadt sprachen die Organisatoren von 4300 Demonstrierenden. Damit ist Fridays for Future bereits jetzt die größte Jugendprotestbewegung seit vielen Jahren – und ruft unweigerlich Erinnerungen an die 68er-Bewegung wach.

Luisenplatz Darmstadt, 10 Uhr: Leichter Nieselregen, es ist kalt. Trotzdem sind die Darmstädter Schüler wieder gekommen, um zu demonstrieren und zu zeigen: Wir meinen es ernst. Auch die Stimmung auf der Demo ist ernsthafter als bei der ersten größeren Aktion in Darmstadt vor einem Monat, vielleicht auch wegen des schlechteren Wetters. Die Streikenden ziehen nicht länger nur durch Darmstadt, rufen ihre Sprüche und zeigen ihre Banner: Ziviler Ungehorsam steht an diesem Tag auf dem Programm. An der Kreuzung Kasinostraße /Pallaswiesenstraße gibt es den ersten Sit-In an diesem Tag, der Verkehr wird zum Stillstand gebracht. „Motor aus, Motor aus“, rufen die Protestierenden den Autofahrern zu – bis die Polizei mit der Räumung droht und die Sitzblockade sich rasch wieder auflöst. Doch bei der einen Blockade bleibt es nicht: An jeder größeren Kreuzung heißt es jetzt „hinsetzen, hinsetzten“.

  • Globaler Klimastreik
    Fridays for Future Darmstadt

Doch nicht nur die Protestformen haben sich verändert, die Bewegung hat inzwischen auch weitaus größere Teile der Bevölkerung mobilisiert. Viel mehr ältere Menschen laufen zwischen den Schülern mit, viele von ihnen gehören zu „Parents for Future“. Aber auch die Wissenschaft verbündet sich mit den Schülern: 23.000 Wissenschaftler aus dem deutschsprachigen Raum haben die Petition von „Scientists for Future“ inzwischen unterzeichnet.


„Die Anliegen der demonstrierenden jungen Menschen sind berechtigt. (…) Es kommt nun darauf an, die Netto-Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen schnell abzusenken und welt­weit spätestens zwischen 2040 und 2050 auf null zu reduzieren. Eine schnellere Absenkung erhöht hierbei die Wahrscheinlichkeit, 1,5 °C zu erreichen. Die Verbrennung von Kohle sollte bereits 2030 fast vollständig beendet sein“

Petition Scientists for Future
Fridays for Future Darmstadt
Prof. Fujara, Rede auf der Fridays for Future Demo in Darmstadt, Foto: S. Grund.

Der emeritierte Professor Fujara, der bis vor 3 Jahren Physik an der TU Darmstadt gelehrt hat, erinnerte als Redner auf der Darmstädter Demo aber auch an die ambivalente Rolle der Wissenschaft: „Sie gibt uns Handlungshinweise, Wissenschaft und Technik haben uns aber auch erst in dieses Problem hineingeführt“. Hoffnung, so Fujara, sehe er aber allein in der jungen Generation:

„Ich habe 1968 mein Abitur gemacht und bin auch in anderem Sinne ein 68er.  Ich finde es wunderbar, wenn hier heute wieder ziviler Ungehorsam praktiziert wird. Ihr könnt die Welt aktiv mitgestalten, so wie es 68 und in den Jahren danach war. Damals war es die Jugend, und nur die Jugend, und auch heute kann nur die Jugend es bewirken, auf die Riesengefahr des Klimawandels hinzuweisen.“

Prof. Fujara, Rede bei Fridays for Future Darmstadt

Auch ich habe mich während meines Geschichtsstudiums viel mit der 68er-Bewegung beschäftigt, vor allem mit der damaligen „Untergrundpresse“ der rebellierenden Jugend. Und auch mich erinnerten die Sprechgesänge, die Internationalität der Bewegung, die Sit-Ins an die Proteste damals – auch wenn ich sie nicht persönlich erlebt habe.

Berühmte 1. Ausgabe des Black Dwarf, 1. Juni 1968

Vielleicht hat Prof. Fujara also Recht – vielleicht hat die Jugend wirklich die Chance, „daraus eine große gesellschaftliche Bewegung zu machen“, wie er sagt. Der Protestforscher Dieter Rucht, der ebenfalls viel zur 68er-Bewegung geforscht hat, sieht das aber kritisch: In einem Interview mit der Website klimafakten.de hat er die Idee einer neuen großen Jugendbewegung verworfen. Zu abstrakt seien die Feindbilder bei Fridays for Future, zu zahm der Protest gegen die Mächtigen. Ob er Recht behält, wird sich wohl spätestens im Verlauf des Sommers zeigen. Bisher ist die Motivation der Schüler jedenfalls hoch, das Thema ist allen hier so wichtig, dass sie dafür auch die unentschuldigten Fehlstunden hinnehmen, die ihnen von den Schulämtern angedroht werden.  Es bleibt also weiter spannend, wie sich Fridays for Future entwickelt – und ob der Sommer 2019 ähnlich wird wie der Sommer 1968: Laut, heiß und weltverändernd.

Fotos: S.Grund

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